Wer im B2B-Handel Produktdaten elektronisch austauscht, begegnet früher oder später zwei Begriffen, die auf den ersten Blick ähnlich klingen, aber grundlegend verschiedene Aufgaben erfüllen: Katalogformat und Klassifikation. Beide sind notwendig, um Produktdaten strukturiert und maschinenlesbar zu übertragen. Doch wer die Unterschiede nicht kennt, läuft Gefahr, Daten falsch aufzubereiten, Kanäle nicht zu bedienen oder unnötigen Mehraufwand zu erzeugen.
Dieser Artikel erklärt beide Konzepte von Grund auf, zeigt, wie sie zusammenwirken, und gibt Ihnen eine praktische Orientierung, welche Kombination für welchen Kanal sinnvoll ist. Am Ende kennen Sie auch die häufigsten Fehler, die Unternehmen beim Einsatz dieser Standards machen.
Was ist ein Katalogformat im Produktdatenaustausch?
Ein Katalogformat definiert die technische Struktur, in der Produktdaten von einem System zum anderen übertragen werden. Es legt fest, welche Felder existieren, wie sie heißen, in welcher Reihenfolge sie erscheinen und in welchem Dateiformat die Übertragung stattfindet. Das Katalogformat ist also der Behälter, der die Daten transportiert.
Ein elektronischer Katalog unterscheidet sich grundlegend vom gedruckten Produktkatalog. Während ein Printkatalog für Menschen gestaltet ist und visuell interpretiert wird, richtet sich ein elektronischer Katalog an Maschinen. Der Empfänger muss die Daten maschinell verarbeiten können. Darstellung und Aufbereitung bestimmt der Empfänger selbst. Das bedeutet: Die Datenqualität und -struktur tragen die gesamte Last der Kommunikation.
Im B2B-Bereich haben sich mehrere Katalogformate etabliert, die je nach Branche und Region unterschiedlich verbreitet sind:
- BMEcat: Ein XML-basiertes Format, das branchenübergreifend im B2B-Bereich eingesetzt wird. Es unterstützt den gesamten Beschaffungsvorgang von der Bestellung bis zur Abrechnung. Die aktuell gültige Version ist BMEcat 2005.2 und ist im DACH-Raum sowie international weit verbreitet.
- GS1-XML: Wird vor allem im Handel und Retail eingesetzt und ist international verbreitet.
- DATANORM: Ein Format speziell für die SHK- und Elektrobranche, verbreitet im DACH-Raum.
- FAB-DIS: Der führende Datenstandard in Frankreich für den Austausch von Produktinformationen zwischen Herstellern und dem Handel im Bau- und Industriesektor. FAB-DIS wird als strukturierte Excel-Datei im XLSX-Format ausgegeben und basiert konzeptionell auf BMEcat.
Ein konkretes Beispiel: Wenn ein Hersteller einem Großhändler seine Produktdaten liefert, schickt er keine Word-Datei oder PDF. Er liefert eine BMEcat-Datei, die das Warenwirtschaftssystem des Händlers direkt einlesen und verarbeiten kann. Das Format stellt sicher, dass Artikelnummer, Preis, Beschreibung und Maße an der richtigen Stelle stehen.
Was ist eine Produktklassifikation und wozu dient sie?
Aufbauend auf dem Verständnis des Katalogformats als Transportbehälter stellt sich die Frage: Was beschreibt den Inhalt eines Produkts inhaltlich und strukturiert? Genau das ist die Aufgabe der Produktklassifikation. Eine Klassifikation ordnet Produkte in ein hierarchisches System von Klassen ein und definiert, welche technischen Merkmale ein Produkt in einer bestimmten Klasse haben muss.
Stellen Sie sich eine Klassifikation wie ein Formular vor: Für jede Produktkategorie gibt es ein eigenes Formular mit festgelegten Feldern. Ein Elektromotor hat andere Pflichtfelder als ein Rohr oder ein Schalter. Die Klassifikation stellt sicher, dass alle Hersteller dieselben Merkmale auf dieselbe Weise beschreiben, sodass Händler und Einkaufssysteme Produkte vergleichen und filtern können.
Die wichtigsten Klassifikationsstandards im B2B-Bereich sind:
- ETIM (European Technical Information Model): Ein internationaler, offener und kostenlos nutzbarer Standard, ursprünglich aus der Elektrobranche. Die aktuelle Version ETIM 10.0 umfasst 5.640 Klassen und 17.377 Merkmale. ETIM ist in über 20 Ländern verbreitet und wird in den Bereichen Elektro, Heizung, Lüftung, Klimatechnik und Sanitärtechnik eingesetzt. Hinweis: Der frühere Klassifikationsstandard Proficl@ss für den Sanitärbereich wurde 2020 vollständig in ETIM Version 8.0 integriert und existiert seither nicht mehr als eigenständiger Standard.
- ECLASS: Der einzige weltweit verbreitete Datenstandard für Waren und Dienstleistungen, der ISO/IEC-normkonform ist. Das aktuellste Release ist ECLASS 16.0. Im Unterschied zu ETIM ist die Nutzung von ECLASS lizenzpflichtig.
Ein praktisches Beispiel: Ein Hersteller von Leuchten klassifiziert sein Produkt in der ETIM-Klasse für Pendelleuchten. Diese Klasse schreibt vor, dass Merkmale wie Schutzart, Lichtfarbe, Leistung und Sockeltyp angegeben werden müssen. Ein Händler, der dieselbe Klassifikation nutzt, kann die Daten direkt in sein System übernehmen, ohne manuell nachzufragen oder zu interpretieren.
Wie Katalogformat und Klassifikation zusammenwirken
Katalogformat und Klassifikation sind keine Alternativen, sondern Ergänzungen. Das Format transportiert die Daten, die Klassifikation strukturiert den Inhalt. Erst wenn beide zusammenwirken, entsteht ein vollständiger, maschinenlesbarer elektronischer Katalog.
Ein gutes Bild dafür: Das Katalogformat ist der Briefumschlag, die Klassifikation ist das ausgefüllte Formular darin. Ein Umschlag ohne Formular transportiert nichts Verwertbares. Ein Formular ohne Umschlag kommt nicht an.
In der Praxis bedeutet das: Ein ETIM-klassifizierter Katalog wird typischerweise im BMEcat-Format übertragen. Man spricht dann von einem ETIM-BMEcat. Die Klassifikationsdaten, also Klassen und Merkmale, sind dabei als strukturierte Felder innerhalb der BMEcat-Datei eingebettet. Neu hinzugekommen ist mit ETIM xChange 2.0 ein modernes Austauschformat auf JSON-Basis, das denselben Inhalt in einer zeitgemäßen technischen Struktur transportiert.
Für den Datenprozess im Unternehmen bedeutet dieses Zusammenspiel konkret:
- Produktdaten werden im PIM-System oder ERP gepflegt.
- Die Daten werden auf die Zielklassifikation gemappt, also den richtigen Klassen und Merkmalen zugeordnet.
- Das Ergebnis wird in das gewünschte Katalogformat exportiert.
- Die fertige Datei wird an den Empfänger übertragen, zum Beispiel per FTP oder über einen Datenpool.
Welches Format und welche Klassifikation für welchen Kanal?
Die Wahl des richtigen Formats und der passenden Klassifikation hängt vom Zielkanal ab. Es gibt keine universelle Kombination, die für alle Situationen passt. Stattdessen bestimmen Branche, Region und Handelspartner, welche Standards erwartet werden.
Die folgende Übersicht gibt Ihnen eine erste Orientierung:
- Elektro- und SHK-Handel in Deutschland: ETIM als Klassifikation, BMEcat oder DATANORM als Format. Viele Händler und Portale wie Open Datacheck oder nexmart setzen auf diese Kombination.
- Branchenübergreifender B2B-Handel: ECLASS als Klassifikation, BMEcat als Format. Besonders relevant, wenn internationale oder ISO-konforme Standards gefordert werden.
- Französischer Markt: FAB-DIS als Format, ETIM als eingebettete Klassifikation. FAB-DIS 3.0 ist seit 2023 die aktuelle Version und erstmals kostenpflichtig.
- Handel und Retail international: GS1-XML als Format, ergänzt durch GDSN-Datenpools für die globale Datensynchronisation.
- Marktplätze wie Amazon Business: Eigene Formatanforderungen, die häufig spezifische Attributstrukturen verlangen und wenig Spielraum für Abweichungen lassen.
Wichtig zu verstehen: Wer mehrere Kanäle bedienen möchte, muss dieselben Produktdaten in verschiedene Formate und Klassifikationen überführen. Das ist kein Fehler im System, sondern die Realität des modernen B2B-Datenaustauschs. Die Lösung liegt in einem zentralen Datenprozess, der aus einer einzigen Quelle heraus verschiedene Ausgaben erzeugt.
Typische Fehler beim Einsatz von Formaten und Klassifikationen
Selbst Unternehmen mit langjähriger Erfahrung im Produktdatenaustausch machen beim Einsatz von Formaten und Klassifikationen wiederkehrende Fehler. Diese zu kennen, hilft Ihnen, sie von Anfang an zu vermeiden.
Format und Klassifikation verwechseln
Der häufigste Fehler ist, Format und Klassifikation als dasselbe zu behandeln. Wer sagt „wir liefern in ETIM“, meint oft „wir liefern einen BMEcat mit ETIM-Klassifikation“. Diese Ungenauigkeit führt zu Missverständnissen mit Handelspartnern und fehlerhaften Datenlieferungen.
Veraltete Versionen verwenden
Klassifikationen werden regelmäßig aktualisiert. Klassen werden gelöscht, verschoben, verfeinert oder neu hinzugefügt. Wer mit einer alten ETIM- oder ECLASS-Version arbeitet, riskiert, dass Produkte in nicht mehr gültigen Klassen klassifiziert sind. Das erzeugt Mehraufwand bei der Migration und kann dazu führen, dass Daten vom Empfänger abgelehnt werden.
Unvollständige Klassifizierung
Viele Unternehmen klassifizieren nur einen Teil ihres Sortiments. Produkte ohne Klassifizierung oder in sogenannten Hilfsklassen, weil keine passende Klasse gefunden wurde, sind für Empfänger schwer verwertbar. Eine vollständige Klassifizierung ist Voraussetzung dafür, dass Produkte in Webshops gefunden und verglichen werden können.
Mapping nicht dokumentieren
Das Mapping, also die Zuordnung von internen Datenfeldern zu den Feldern des Zielformats, wird häufig einmalig eingerichtet und dann nicht gepflegt. Wenn sich Quellsysteme ändern oder neue Versionen einer Klassifikation erscheinen, ist ein undokumentiertes Mapping schwer zu aktualisieren. Das führt zu stillen Fehlern, die erst beim Empfänger auffallen.
Einen Kanal als Vorlage für alle nehmen
Wer seinen BMEcat für einen Händler einmal korrekt aufgebaut hat, neigt dazu, dieselbe Datei leicht angepasst an alle anderen Empfänger zu schicken. Das funktioniert selten. Jeder Kanal hat eigene Anforderungen an Struktur, Pflichtfelder und Klassifikationsversion. Eine zentrale Datenbasis mit kanalspezifischen Ausgaben ist der richtige Ansatz.
Wie Semaino bei Katalogformat und Klassifikation unterstützt
Wir bei Semaino begleiten Hersteller und Händler dabei, Produktdaten strukturiert, vollständig und kanalgerecht aufzubereiten. Unser Werkzeug dafür ist der ecatDesigner, eine Datendrehscheibe, die Daten aus PIM- und ERP-Systemen entgegennimmt, auf die gewünschten Formate und Klassifikationen mappt und als fertige elektronische Kataloge ausleitet.
Was wir konkret für Sie leisten:
- Unterstützung bei der Auswahl des richtigen Katalogformats und der passenden Klassifikation für Ihre Zielkanäle
- Aufbau und Pflege von Mapping-Strukturen zwischen Ihren internen Datenfeldern und den Anforderungen von BMEcat, DATANORM, FAB-DIS, GS1-XML und weiteren Formaten
- Klassifikationsberatung für ETIM und ECLASS, einschließlich Unterstützung bei Versionsmigration
- Vollständige Katalogerstellung als Dienstleistung, wenn internes Know-how fehlt oder Kapazitäten begrenzt sind
- Aktive Mitarbeit in Standardisierungsgremien, sodass unsere Kunden immer mit aktuellen Versionen arbeiten
Wenn Sie wissen möchten, wie Ihr aktueller Datenprozess aufgestellt ist und wo Optimierungspotenzial liegt, sprechen Sie uns an. Wir freuen uns auf ein Beratungsgespräch.